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Kinder bleiben zu oft sitzen!

 

Vom Rad abspringen, bremsen, ausweichen, aus vollem Lauf abstoppen. Wenn es drauf ankommt, sind im Straßenverkehr blitzschnelles Reagieren und optimale Bewegungskoordination gefragt - als Fußgänger, Radfahrer oder Skater. Doch gerade das bereitet immer mehr Heranwachsenden große Schwierigkeiten. Können sich unsere Kinder bald nicht mehr bewegen? Hätte die Nation bei einem Bewegungs-PISA eine weitere bittere Pille zu schlucken?

 

Übergewicht wird Massenphänomen, Foto: Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V.

"Schon die Vier- bis Fünfjährigen bewegen sich immer weniger. Viele Kinder können kaum noch auf einem Bein hüpfen oder Seilchen springen", schildert Dr. Michael Zinke, Kinder- und Jugendarzt und Verbandsvorsitzender des Hamburger Landesverbandes der Kinder- und Jugendärzte, seine Erfahrungen. "Seit Jahren beobachten wir einen Rückgang der körperlichen Leistungsfähigkeit, Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit nehmen deutlich ab". Stattdessen wächst die Zahl der "Couch-Potatos", gewichtiger Kinder, die am liebsten mit einer Tüte Chips vor der Glotze sitzen und in der Rolle des Zuschauers verharren. Selbst einfachste Anstrengungen führen schnell zu Überforderung.

 

Zum Stillsitzen verdammt!

 

Auf den ersten Blick überrascht das Bild der jungen Bewegungsmuffel. Der Fitnessbereich boomt, man/frau lässt es sich etwas kosten, in Form zu bleiben. Parkanlagen und Waldwege werden heimgesucht von Menschen (fast) aller Altersklassen, die etwas für ihre Gesundheit und Kondition tun möchten. Doch während sich ältere Semester trimmen, macht es sich der Nachwuchs daheim bequem.

 

digitale Bewegung

Gründe gibt es viele. Kinder wachsen in einer Umgebung auf, die ihnen immer weniger Gelegenheit bietet, ihren natürlichen Bewegungsdrang auszuleben. Rhythmus und Gewohnheiten haben sich gewandelt. "Am liebsten Fernsehen gucken", antwortet der kleine Jonas auf die Frage, was er nach der Schule gerne macht. Die Zeiten, in denen Kids mittags den Ranzen in die Ecke schmissen und nur noch raus wollten, gehören der Vergangenheit an. Wo sollten sie auch spielen? Überall werden Gewerbegebiete oder Parkplätze aus dem Boden gestampft. Immer weniger Plätze und Grundstücke laden zum Versteckenspielen und Fangen ein, der Weg zum nächsten Spielplatz wird von vielbefahrenen Verkehrsadern gekreuzt.

 

Stattdessen werden keine Mühen gescheut, zu Hause Rund-um-Wohlfühl-Paradiese für Einzelkinder zu schaffen. Hochtechnisierte Kinderzimmer mit verführerischen Computerspielen, eigenem Fernseher und allem, was das Kinderherz sonst erfreut, locken zu Erkundungen. Wen stört es, dass in Wirklichkeit nur Knöpfe gedrückt und Joysticks gesteuert werden? Spaß macht es allenthalben.

 

"Die Medienwelt ersetzt die wirkliche Welt, Star Wars und Pokémon laufen "Räuber und Gendarm" den Rang ab", bringt Prof. Krista Mertens vom Institut für Rehabilitationswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin die Sache auf den Punkt. "Ein Drittel der Neun- bis Zehnjährigen besitzen einen eigenen Fernseher und einen Computer. Vor diesen "elektronischen Babysittern" verbringen sie durchschnittlich sieben Stunden am Tag. Während die Erwachsenenwelt von einem Event zum nächsten eilt, wird für Kinder das Sitzen zur dominierenden Körpererfahrung". Kannten Kinder vor 100 Jahren noch 100 Bewegungsspiele, so sind es heute maximal fünf!

 

Lecker? Foto: Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V.

Das Gegenteil von "gut" ist "gut gemeint"

 

Dazu gesellt sich die Sorge vieler Eltern vor Unfällen. Aus Angst, ihre Sprösslinge könnten sich beim Fahren mit Roller oder Fahrrad verletzen, schränken sie deren Bewegungsfreiheit zusätzlich ein. Und weil der Verkehr ständig zunimmt, fährt man die Kleinen am liebsten mit dem Auto zur Schule und Klavierstunde. "Hier öffnet sich ein Teufelskreis", umreißt Mertens die Problematik, "die Kinder haben keine Gelegenheit mehr, Erfahrungen zu sammeln. Sie lernen nicht, Gefahren rechtzeitig zu bemerken, sie richtig einzuschätzen und entsprechend zu reagieren. Dadurch werden sie unsicher und sind tatsächlich einem erhöhten Unfallrisiko ausgesetzt".

 

Generation "Unfit"

 

Die Folgen sind unübersehbar. Fast 60 % der Kinder weisen schon bei der Einschulung Haltungsschäden auf. Typische Zivilisationskrankheiten wie Schlafstörungen, Rücken- oder Kopfschmerzen sind bei Heranwachsenden auf dem Vormarsch. "Jedes fünfte Kind ist übergewichtig, nicht wenige sogar krankhaft", weist Michael Zinke auf ein weiteres Problem hin. Burger, Pizzen und Co. sorgen aber nicht nur für Fettpolster. Herzkreislaufprobleme, Bluthochdruck oder Zuckerkrankheit sind häufige Folgeerscheinungen.

 

Über die Hälfte aller Schüler hat Konditionsprobleme beim Laufen, Springen und Schwimmen. Eine breitangelegte Studie von AOK, DSB und WIAD zum "Bewegungsstatus von Kindern und Jugendlichen in Deutschland" stellte 2003 fest, dass die Fitness der Zehn- bis Vierzehnjährigen seit 1995 um mehr als 20 % zurückgegangen ist. Selbst für den kurzen Zeitraum von 2001 und 2002 ließ sich ein deutlicher Rückgang der Leistungsfähigkeit der Sechs- bis Achtzehnjährigen messen.

 

Verschärfend hinzu kommt die wachsende Kluft zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Schülern. Einer recht fitten Gruppe steht am anderen Ende der Skala eine wachsende Zahl von Kids gegenüber, deren gesundheitliche, motorische und geistige Entwicklung Anlass zur Sorge bereitet.

 

Bewegung

Fehlende Sicherheitsreserven

 

Diese Defizite wirken sich natürlich auch im Verkehr aus. Die Zahl der durch Ab- und Ausrutschen, Stolpern oder Umknicken verursachten Schulwegunfälle steigt. Befragungen von Lehrern zu motorischen Fähigkeiten von Grundschülern im Rahmen der Radfahrprüfung bestätigen den Negativtrend: Immer mehr Mädchen und Jungen haben Schwierigkeiten beim Aufsteigen und Anfahren. Das Umsehen bei gleichzeitigem Spur halten, das Fahren enger Kurven und das Passieren von Hindernissen fällt Kindern zunehmend schwerer.

 

Dabei ist Bewegungssicherheit die Voraussetzung für sichere Verkehrsteilnahme und die Vermeidung von Unfällen. Radfahren ist um vieles einfacher, wenn man das Gleichgewicht halten und absteigen kann, ohne ins Stolpern zu geraten. Mit einer Hand am Lenker kann man sich besser umschauen als jemand, der mühsam die Balance hält und bei jedem Blick zur Seite den Lenker zur Seite reißt.

 

Besorgniserregend ist vor allem der Bewegungsmangel der Kleinsten. In den ersten Lebensjahren werden die grundlegenden Bewegungsmuster angelegt und ausgebildet. Versäumnisse lassen sich später nur schwer korrigieren. Das Zusammenspiel verschiedener Körperteile bei bestimmten Bewegungsabläufen muss schrittweise erlernt und verfeinert werden. Jede gelernte Bewegung wird als Muster im Gehirn gespeichert. Sukzessive entwickelt ein Kind so ein Arsenal an Bewegungsmöglichkeiten, die ihm in Gefahrensituationen zur Verfügung stehen. Über solche Sicherheitsreserven verfügen viele Heranwachsende heute nicht mehr. 

 

Selbstständigkeit

Es kommt Bewegung in die Bewegungslosigkeit

 

Dabei ist Bewegungsmangel kein Schicksal. "Eigentlich", bilanziert Dr. Ulrich Fegeler, Kinder- und Jugendarzt aus Berlin, "brauchen Kinder nichts weiter als Anregungen, je früher, desto besser. Im Augenblick decken Mediziner Mängel auf und ordnen Therapien an. Die sind nicht nur kostspielig, sondern können auch nur punktuell wirken." Tatsächlich bringt es wenig, über einen gewissen Zeitraum einmal pro Woche zum Gesundheitsturnen zu gehen, wenn man anschließend in den gleichen bewegungslosen Trott verfällt wie vorher. "Sport in irgendeiner Richtung ist entscheidend. Hauptsache, man bewegt sich. Warum nicht morgens beim Brötchenholen zur zweiten Bäckerei laufen?", so der Mediziner.

 

Immerhin, die Alarmglocken, die Ärzte, Sportwissenschaftler und Verkehrserzieher seit Jahren läuten, sind vernommen worden. "Langsam kommt es in die Köpfe vieler Verantwortlicher, dass gegengesteuert werden muss", freut sich Fegeler. Problembewusstsein führt zwar nicht automatisch zum Handeln, aber es kommt Bewegung in die festgefahrene Situation. Sportvereine machen verstärkt Angebote für jüngere Kinder und solche mit besonderen gesundheitlichen Schwierigkeiten (Übergewicht, Asthma). Auch die Kommunen können mit geringem Aufwand einiges bewirken. "Es ist schon viel getan, wenn man brachliegende Flächen in den Städten als Spielstätten für Kinder erhält, statt sie zu bebauen", unterstreicht der Berliner Kinderarzt Dr. Jörg Woweries.

 

Bewegung von klein an

Ein Umdenken zeichnet sich auch im Bildungsbereich ab, angefangen in den Kindertagesstätten, denen eine Schlüsselrolle in der Prävention zufällt. "Die Politik muss die Kindergärten endlich als notwendige Bildungseinrichtung anerkennen", fordert Fegeler. "Die gesundheitlichen und sozialen Folgekosten liegen um ein Vielfaches über den heute notwendigen Investitionen."

 

Auch wenn die Gleichung "Wer rückwärts laufen kann, kann auch rückwärts rechnen" allzu plakativ ist - es besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Bewegung und intellektuellen Fähigkeiten. Eine Grundschule in Hessen hat bereits in den 90-er Jahren die tägliche Sportstunde eingeführt. Das Lamento der Kollegen, die dafür Stunden in ihren Fächern opfern mussten, verstummte bald, da die Leistungen der Kinder deutlich anstiegen und mehr Schüler aufs Gymnasium wechseln konnten. Auch das Schulklima verbesserte sich, Konflikte wurden seltener. Die Studie von AOK, DSB und WIAD hebt hervor, dass Schüler mit drei oder mehr Stunden Sport in der Woche signifikant besser abgeschnitten haben als solche mit weniger Sport.

 

Über den Sportunterricht hinaus muss das gesamte Schulsystem mehr Raum für Motorikförderung bieten. Die "Bewegte Schule" ist ein viel versprechender Ansatz. "Lernpsychologisch ist eindeutig nachgewiesen, dass Kinder, die bereits im Vorschulalter hohe Bewegungskompetenz entwickeln, einen höheren Intelligenzquotienten besitzen als Kinder mit geringeren motorischen Fähigkeiten. Ebenso ist durch mehrere Studien die Verbesserung der Konzentrationsleistung durch bewegungsfördernde Maßnahmen in der Schule belegt", erklärt Krista Mertens.

 

Eltern als Vorbilder gefragt

 

Ungleich schwieriger ist es, einen Teil der Eltern zu sensibilisieren. "Wenn sie nie Sport treiben, stattdessen stundenlang vor dem Fernseher sitzen und eine Zigarette nach der anderen rauchen, ist es wenig verwunderlich, wenn die Kinder es ihnen gleichtun", erläutert Michael Zinke das Dilemma. Dass die Eltern, deren Kinder am meisten Grund zur Sorge machen, am schwersten zu erreichen sind, überrascht nicht. Stattdessen müssen Kindergärten und Schulen eine weitere Aufgabe übernehmen, die viele Eltern nicht leisten wollen oder können.

 

Dabei ist Bewegung im familiären Umfeld überall und jederzeit möglich. Kinder warten nur darauf. Warum nicht mal wieder gemeinsam längere Spaziergänge machen? Treppensteigen statt Aufzugfahren? Zu Fuß zur Schule statt mit dem Auto? In jedem Kinderzimmer finden die Kleinen genügend Platz zum Toben. Mit ein paar Handgriffen verwandelt es sich zur "Spielwiese" und aus Bewegungsmuffeln werden Energiebündel. Raus mit überflüssigen Möbeln, rein mit Spielzeug zum Turnen und Austollen! Scharfe Ecken und Kanten sind fehl am Platz, zerbrechliche Gegenstände gehören nicht dorthin.

 

Viel braucht es nicht, um der Zivilisationskrankheit "Bewegungsmangel" entgegenzutreten. Man muss nur seine eingeschliffenen Gewohnheiten ändern und sich einen Ruck geben. Mehr Bewegung heißt mehr Gesundheit, mehr Lebensqualität, mehr Leistung und mehr Sicherheit und Souveränität im Verkehr.

 

Weniger Unfälle?

 

"Die Zahl der verunglückten Kinder im Straßenverkehr geht doch seit Jahren zurück", wird mancher entgegnen. Stimmt, was die absoluten Zahlen betrifft. Kinder nehmen nämlich immer seltener selbstständig am Verkehr teil. Gemessen an der Zeit, die sie auf der Straße verbringen, verunglücken sie heute sogar deutlich öfter als vor 30 Jahren, als Fußgänger doppelt so oft, als Radfahrer fast viermal häufiger.

 

Zur Entwarnung besteht also kein Anlass. Vielmehr ist - wenn die motorische Leistungsfähigkeit weiter nachlässt - wieder mit einem Ansteigen der Unfälle zu rechnen. Es sei denn, Kinder gehen noch seltener auf die Straße. Beide Perspektiven sind wenig verlockend.

 


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