Verkehrserziehung und Mobilitätsbildung für Kinder mit Förderbedarf
Sich sicher und selbstständig im Straßenverkehr bewegen zu können, ist eine Voraussetzung für die eigene Entwicklung und für gesellschaftliche Teilhabe – insbesondere für Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf. Die Verkehrserziehung steht dabei vor besonderen Herausforderungen. Welche Aspekte hierbei eine Rolle spielen und wie die Verkehrswacht Lehrkräfte unterstützt, zeigt der folgende Artikel.
Mobilität als Schlüssel zur Selbstständigkeit
Mobilität als Schlüssel zur Selbstständigkeit
Heranwachsende mit Förderbedarf – etwa mit geistigen, körperlichen oder sensorischen Einschränkungen – sind im Straßenverkehr besonders gefährdet und stehen vor vielfältigen Herausforderungen. Das können sein
- beeinträchtigte Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeiten,
- motorische Einschränkungen beim Gehen oder Radfahren,
- kognitive Schwierigkeiten beim Erkennen und Einordnen von Verkehrszeichen und Situationen (Gefahrenerkennung),
- Kommunikations- und Konzentrationsprobleme.
Eine standardisierte Vermittlung von Verhaltensweisen und Regeln ist oft unzureichend. Stattdessen braucht es angepasste, kleinschrittige, handlungsorientierte und spielerische Lernformen, die an den Fähigkeiten und Möglichkeiten des einzelnen Kindes ausgerichtet sind.

Verkehrserziehung und Mobilitätsbildung setzt bei den Bedürfnissen jedes einzelnen Kindes an. Foto: Aktion Mensch
Spezifische Herausforderungen im Straßenverkehr
Für Kinder mit einem Handicap ist Mobilität immer noch mit Einschränkungen verbunden. Eine hohe Bordsteinkante wird mit dem Rollstuhl zum unüberwindbaren Hindernis. Bauliche Maßnahmen sind meist auf Stadt beschränkt. Zudem sind die Kinder in komplexen Situationen schnell überfordert. Genannt seien folgende Aspekte:
- Wahrnehmung und Orientierung: Sie haben Schwierigkeiten, Verkehrszeichen zu erkennen oder Abstand, Geschwindigkeit und Gefahren einzuschätzen.
- Motorik und Koordination: Sie haben beeinträchtigte Bewegungs- und Gleichgewichtsfunktionen, die beim Radfahren oder Ausweichen gebraucht werden.
- Kognitive Aspekte: Sie können Gelerntes nicht auf andere Situationen übertragen. Das Verinnerlichen von Abläufen (z.B. „links–rechts–links schauen“) fällt ihnen schwer.
- Kommunikation: Sie haben Probleme beim Verstehen verbaler und nichtverbaler Anweisungen. Die Interaktion mit anderen Menschen fällt ihnen manchmal schwer.
All diese Faktoren erhöhen das Unfallrisiko und unterstreichen die Wichtigkeit gezielter Förderung.
Schwerpunkte der Verkehrserziehung
Ziel ist es, die Kinder für Alltagssituationen fit zu machen, vom Schulweg bis zur Nutzung von Bus und Bahn und dem Fahrrad. Der Fokus liegt auf den Kernkompetenzen Bewegung, Wahrnehmung und Verständigung. Bewegungssicherheit, eine gute Körperkoordination und sicheres Reagieren sind im Straßenverkehr ebenso unerlässlich wie eine gute visuelle und akustische Wahrnehmung. Dazu kommt die Kompetenz, Situationen richtig einzuschätzen, und die Fähigkeit, Gestik, Mimik und Handzeichen anderer Verkehrsteilnehmer zu entschlüsseln und anderen die eigenen Absichten eindeutig mitzuteilen. Auf dieser Grundlage entwickeln die Schüler ein Gefühl für Gefahrensituationen und situationsangemessenes Verhalten. Dazu gehört auch, mit den Fehlern anderer zu rechnen.
Je nach Beeinträchtigung unterscheidet sich die Schwerpunktsetzung. Jedes Kind ist sein eigener Lehrplan! Verkehrserziehung muss an den Entwicklungsstand, die motorischen Möglichkeiten und die geistigen und körperlichen Lernvoraussetzungen der Kinder angepasst sein.

Bewegungserziehung ist ein Schwerpunkt, um Kinder fit zu machen für den Straßenverkehr.
Unterrichtsmethoden
Die Methoden orientieren sich an den Lernenden. Handlungsorientierung, Ortsbezug und Anschaulichkeit sind in der Grundschule generell wichtig. Bei Kindern mit kognitiven Einschränkungen ist das Vorgehen langsamer und kleinschrittiger. Praktische Übungen, Rollenspiele und Exkursionen nehmen breiten Raum ein.
Förderschulen und inklusive Schulen
An Förderschulen arbeiten Lehrkräfte meist mit kleineren Gruppen und spezifisch ausgebildeten Fachkräften, um Kompetenzen gezielt zu entwickeln – von der Wahrnehmungsförderung über Motorikübungen bis zu praktischen Trainings. Die Ansätze sind stark individualisiert und orientieren sich an den Lernprofilen der Schülerinnen und Schüler.
In inklusiven Settings lernen Kinder mit und ohne Förderbedarf gemeinsam. Im Unterricht müssen differenzierte Lernangebote und zusätzliche Unterstützungsformen angeboten werden, damit alle Kinder profitieren. Inklusion bedeutet, Barrieren für den Zugang zu Wissen zu reduzieren und Lernprozesse flexibel zu gestalten.
Radfahrausbildung für Kinder mit Förderbedarf
Fester Bestandteil der Mobilitätsbildung ist die Radfahrausbildung. Sie findet in der (3. und) 4. Klasse statt – mit einem theoretischen und einem praktischen Teil. Für Kinder mit einer Beeinträchtigung stellt sie eine besondere Herausforderung dar, bietet aber zugleich große Chancen. Neben dem sicheren Beherrschen des Fahrrads fördert sie Gleichgewicht, Koordination, Konzentration und das Verständnis komplexer Verkehrssituationen. Eine auf die Möglichkeiten des Kindes zugeschnittene Radfahrausbildung mit ausreichend Zeit für praktisches Fahrtraining auf einem Übungsparcours (gerne zu Beginn auch mit dem Roller), wiederholten Übungsphasen und individuellen Hilfestellungen ermöglicht es vielen Kindern, Fortschritte zu machen und ein Stück Selbstständigkeit und Selbstvertrauen zu gewinnen.
Es spricht nichts dagegen, einem Kind mit Lese- und Schreibschwierigkeiten bei der Lernkontrolle die Fragen vorzulesen. Im Gegenteil: Besitzt ein Kind die Voraussetzungen zum Radfahren und wird es zukünftig mit dem Rad unterwegs sein, muss es optimal vorbereitet werden! Eine bestandene Prüfung in diesem lebensnahen Bereich ist ein Grund, stolz zu sein.
Angebote der Deutschen Verkehrswacht für die Schule

„Mobil teilhaben“ bietet unter anderem kostenfreie spezifische Arbeitsblätter für Kinder mit kognitiven Einschränkungen.
Die VMS erstellt zeitgemäße Arbeitshefte, Lernplattformen und Materialien. Einige Angebote richten sich speziell an Förderschulen, andere enthalten Elemente, die Schülern mit Einschränkungen einen leichteren Zugang zu Themen der Mobilität verschafft.
„Mobil teilhaben“
„Mobil teilhaben – Kids lernen Verkehr!“ macht Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung fit für den Straßenverkehr. Die Verkehrswacht stellt Lehrkräften kostenfreie Unterrichtsanregungen, Arbeitsblätter und Bildmaterial zur Verfügung.
Themen sind „Grundlagen der Verkehrssicherheit“, „Unterwegs zu Fuß und im Rollstuhl“, „Bus fahren lernen“, „Bahn fahren lernen“ und „Fahrradfahren lernen“. Anschaulichkeit, Handlungsorientierung und Ortsbezug sind zentrale Kriterien für die Gestaltung des Unterrichts.
Arbeitshefte und Portale: Vom Schulweg zur Radfahrausbildung
Zu den Arbeitsheften für die Grundschule („Mein Schulweg“, Klasse 1; „Gefahren meistern!“, Klasse 2; „Die Radfahrausbildung“, Klassen ¾) gehören Lernportale, die die Möglichkeiten digitalen Lernens nutzen, um den Zugang zum Unterrichtsstoff zu erleichtern. Neben bildbasierten Übungen und Lernfilmen sind zwei neuere Features zu nennen, die für Schüler mit Förderbedarf von Nutzen sind:
- a) eine Vorlesefunktion, von der Kinder mit Lese- und Verständnisschwierigkeiten sowie Sehproblemen profitieren,
- b) eine Übersetzungsfunktion, die Kindern mit Migrationshintergrund die Beschäftigung mit dem Schulweg oder der Radfahrausbildung erleichtert.
Ein weiterer Vorteil digitaler Medien: die Schüler wählen ihr Lerntempo selbst und bekommen unmittelbare Rückmeldungen.

Von der Vorlese- und Übersetzungsfunktion in den Onlineportalen zu den Arbeitsheften der Verkehrswacht profitieren auch KInder mit Beeinträchtigungen. Hier ein Beispiel aus der Radfahrausbildung.
„move it“ und Velofit – Materialien zur motorischen Förderung
„move it“ dient der allgemeinen Bewegungsförderung in den Eingangsklassen der Grundschule. Velofit legt in den Klassen 1 bis 3 die Grundlagen für eine erfolgreiche Radfahrausbildung, angefangen mit einem Screening, über Bewegungsspiele mit den Velofitmaterialien bis zu fahrpraktischen Übungen auf Rollen und Rädern und auf dem Fahrrad.

Alle machen mit! Bewegungssicherheit und eine gute Motorik sind Grundlagen einer sicheren Teilnahme am Straßenverkehr; zu Fuß und mit dem Fahrrad.
Es lohnt!
Verkehrserziehung und Mobilitätsbildung sind für alle Kinder wichtig. Neben der Sicherheit spielt bei Kindern mit Förderbedarf ein weiterer Aspekt eine Rolle: je mobiler sie sind, umso besser gelingt ihre gesellschaftliche Teilhabe. Die Schule kann mit spezifisch angepassten Inhalten, individueller Unterstützung und praktischen Übungen wertvolle Handlungsspielräume für die Kinder öffnen. Die Verkehrswacht bietet hierzu Medien und Materialien, die Lehrkräfte in ihrer pädagogischen Arbeit unterstützen.


